Auswahl von Schutzrelais für PV-Netze: Technische Kriterien und

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    Photovoltaikanlagen sind heute ein zentraler Bestandteil moderner Energieversorgung. Die Einspeisung von Strom aus PV-Anlagen in öffentliche oder private Netze bringt jedoch komplexe Anforderungen an die elektrische Schutztechnik mit sich. Schutzrelais übernehmen hierbei eine Schlüsselrolle: Sie erkennen Fehler wie Überströme, Erdschlüsse oder Spannungsabweichungen und lösen gezielt Schutzmaßnahmen aus. Die Auswahl geeigneter Schutzrelais ist entscheidend für Betriebssicherheit, Netzstabilität und Normkonformität.

    Im Folgenden werden die wichtigsten technischen Kriterien und normativen Vorgaben für Schutzrelais in PV-Netzen detailliert erläutert.

    Technische Kriterien bei der Auswahl von Schutzrelais

    Die Wahl des richtigen Schutzrelais hängt von mehreren technischen Faktoren ab, die im Vorfeld sorgfältig analysiert werden müssen.

    1. Kurzschluss- und Überstromverhalten

    PV-Anlagen liefern im Fehlerfall nur begrenzte Kurzschlussströme, da Wechselrichter die Ausgangsströme aktiv begrenzen. Schutzrelais müssen auch geringe Fehlerströme zuverlässig erfassen. Auf der Seite erhalten Sie wertvolle Hinweise zur Auswahl von Schutzrelais für PV-Netze für eine normgerechte Absicherung.

    Kriterien:

    • Empfindlichkeit für niedrige Kurzschlussströme
    • Einstellbare Auslösezeiten und Überstromschwellen
    • Selektivität zu nachgeschalteten Sicherungen oder Relais

    2. Erdschlussschutz

    Erdschlüsse können nicht nur die Betriebsmittel gefährden, sondern auch Sicherheitsrisiken für Personal darstellen. Schutzrelais müssen diese zuverlässig erkennen.

    Kriterien:

    • Messung von Fehlerströmen gegen Erde
    • Einstellbare Empfindlichkeit je nach Netzkonfiguration
    • Integration in digitale Schutzsysteme für Monitoring und Diagnose

    3. Spannungs- und Frequenzschutz

    Netzspannungen und Frequenzen unterliegen Schwankungen. Schutzrelais müssen innerhalb definierter Grenzwerte reagieren, um Anlagen und Netz zu schützen.

    Kriterien:

    • Über- und Unterspannungsschutz
    • Über- und Unterfrequenzschutz
    • Dynamische Anpassung an wechselnde Netzbedingungen

    4. Messgenauigkeit und Parametrierbarkeit

    Digitale Schutzrelais bieten präzise Messungen und flexible Einstellmöglichkeiten. Sie ermöglichen eine feine Abstimmung der Schutzfunktionen an die Netzgegebenheiten und Anlagencharakteristika.

    Kriterien:

    • Exakte Strom- und Spannungsmessung auch bei geringer Last
    • Parametrierbare Auslösezeiten, Grenzwerte und Schutzfunktionen
    • Fernüberwachung und automatische Datenerfassung

    5. Kommunikationsfähigkeit

    Moderne PV-Anlagen sind zunehmend digital vernetzt. Schutzrelais sollten standardisierte Kommunikationsschnittstellen unterstützen, um Daten an Leitsysteme oder SCADA-Systeme zu übermitteln.

    Kriterien:

    • Unterstützung von Protokollen wie Modbus, IEC 61850
    • Integration in zentrale Überwachungssysteme
    • Möglichkeit zur Fernparametrierung und Diagnose

    Normative Vorgaben für Schutzrelais in PV-Netzen

    Neben technischen Kriterien müssen Schutzrelais auch normative und regulatorische Anforderungen erfüllen. Diese Vorgaben stellen sicher, dass Anlagen sicher betrieben und ordnungsgemäß in das Netz integriert werden.

    1. Technische Anschlussregeln (TAR)

    Netzbetreiber schreiben technische Anschlussregeln für dezentrale Erzeuger vor, die unter anderem Schutzfunktionen, Auslösezeiten und Grenzwerte definieren.

    Beispiele:

    • DIN VDE-AR-N 4105 in Deutschland
    • Richtlinien der Netzbetreiber für Mittel- und Niederspannungsnetze

    2. Internationale IEC-Standards

    IEC-Normen regeln Schutzfunktionen, Messmethoden und Prüfanforderungen für Schutzrelais.

    Relevante Standards:

    • IEC 60255: Schutzrelais – Allgemeine Anforderungen, Prüfungen und Sicherheitsvorgaben
    • IEC 62116: Testprotokolle für Netzeinspeisung von PV-Anlagen
    • IEC 61850: Kommunikation zwischen Schutzgeräten und Leitsystemen

    3. Sicherheits- und Betriebsvorschriften

    Zusätzlich zu den Netzvorschriften müssen Schutzrelais Sicherheitsanforderungen erfüllen, um Personal, Anlagen und Netz zu schützen.

    Beispiele:

    • Einhaltung von Isolations- und Schutzmaßnahmen
    • Schutz vor Überlast, Übertemperatur und Erdschlüssen
    • Dokumentation und regelmäßige Prüfungen

    Praktische Auswahlhinweise

    Bei der Auswahl von Schutzrelais für PV-Netze sollten Betreiber, Planer und Ingenieure folgende Schritte berücksichtigen:

    1. Netzanalyse durchführen: Ermittlung von Kurzschlussleistungen, Spannungsebenen und Netzcharakteristika.
    2. Schutzanforderungen definieren: Festlegung der benötigten Schutzfunktionen (Überstrom, Erdschluss, Spannung, Frequenz).
    3. Geeignete Geräte auswählen: Berücksichtigung technischer Kriterien, Messgenauigkeit, Parametrierbarkeit und Kommunikationsfähigkeit.
    4. Normkonformität prüfen: Sicherstellen, dass alle relevanten nationalen und internationalen Standards erfüllt sind.
    5. Parametrierung und Inbetriebnahme: Abstimmung der Schutzwerte, Prüfung der Selektivität und Integration in Überwachungssysteme.
    6. Regelmäßige Wartung und Kontrolle: Überprüfung der Schutzfunktion, Anpassung bei Netzänderungen und Dokumentation der Ereignisse.

    Fazit

    Die Auswahl von Schutzrelais für PV-Netze ist ein entscheidender Faktor für Betriebssicherheit, Netzstabilität und Wirtschaftlichkeit von Photovoltaikanlagen. Technische Kriterien wie Empfindlichkeit bei geringen Kurzschlussströmen, flexible Parametrierung und digitale Kommunikationsfähigkeit müssen sorgfältig bewertet werden. Gleichzeitig ist die Einhaltung normativer Vorgaben, einschließlich technischer Anschlussregeln und internationaler IEC-Standards, unerlässlich.

    Nur durch die Kombination technischer Exzellenz und normativer Konformität lassen sich Schutzrelais optimal einsetzen und gewährleisten einen sicheren, effizienten und stabilen Betrieb moderner PV-Netze.